Tchibo erzieht seine Kunden
Posted on | September 21, 2011 | 1 Comment
Was ist gerecht? Was ist fair? Diese Fragen, können – die Existenz funktionstüchtiger, menschlicher Gehirne vorausgesetzt – durchaus philosophische Diskussionen vom Zaun brechen. Dachte ich. Mein letzter Besuch in einem Leipziger Tchibo-Laden hat mich eines Besseren belehrt (und ein wenig ins Grübeln gebracht).
Wir erinnern uns: Tchibo, das ist (oder war) der Kaffeeröster mit der dampfenden Bohne. Einst offerierte Tchibo ausschließlich den Grundstoff für koffeinhaltige Heißgetränke. Zwischenzeitlich wurde dort entdeckt, dass sich mit wöchentlich wechselnden Hauhaltsartikeln und Klamotten, die arme Menschen in fernen Ländern für schnäppchenverwöhnte Europäer herstellen (müssen), viel besseres Geld verdienen lässt. Darum verkauft Tchibo hierzulande nun lieber Müslischalen und Damenschlüpfer für preisempfindliche Durchschnittsfamilien.
Kleine Preise für Kunden sind oft mit harten Bandagen für die Mitarbeiter in den Produktionsunternehmen vergesellschaftet. Das ist zwar kein Geheimnis; aber Händler, wie Tchibo, mögen es wenig, wenn sie mit ausgebeuteten Menschen und ruinierter Natur in Verbindung gebracht werden. … ist einfach schlecht für’s Image!
Hinweise auf fragwürdige Geschäftspraktiken gibt es aber immer mal wieder:
- Tchibo-Shirts: Gefertigt für Hungerlöhne – veröffentlicht auf spiegel.de
- Kinderarbeit in Guatemala – veröffentlicht auf wdr.de.
Um das angekratzte Unternehmensimage zu polieren, wird allerlei ersonnen und auf schönes Papier in so genannten Corporate-Social-Responsibility (= CSR) Berichten gedruckt. Vergangene Woche habe ich gelernt, dass bei Tchibo all dieses Verantwortungsstreben ENDLICH Früchte trägt. Selbst die Damen am Tresen in den Filialen haben verinnerlicht, dass es ohne Gerechtigkeit keine Zukunft geben wird und bemühen sich nun nach Kräften darum. Wow!
Woher ich das weiß? Ich war auf Abwegen und ohne Euros in der Tasche unterwegs, als ich in der oben genannten Tchibo-Filiale – entgegen aller Vorsätze des aufgeklärten Konsumenten – Interesse an einer feilgebotenen Hose entwickelte. Auf meine Frage, ob das Kleidungsstück wohl für 2 Stunden zurückgelegt werden könne, bis ich wieder in Besitz meiner Geldbörse wäre, entgegnete mir die CSR-bewegte Tchibo-Frau in scharfem Ton: „Hier wird nichts zurückgelegt! Gleiches Recht für alle!“
Sie hatte mich ertappt! … und auf den Weg der Tugend zurück geführt. Natürlich bin auch ich für Gerechtigkeit. Nach dieser Läuterung habe ich die Hose selbstverständlich nicht gekauft.
Bildquelle: Dieter Schütz / pixelio.de
Tags: Ausbeutung > CSR > Erfahrungen > Fairness > Gerechtigkeit > Kinderarbeit > Tchibo > Tchibo in Leipzig
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November 22nd, 2011 @ 12:23 AM
[...] PSS: Das ist in der Geschichte dieses Blogs bereits mein zweiter Artikel zum Thema „Kaffee“. Wer Lust hat, über meine Erlebnisse mit Tchibo zu lesen, klickt hier: “Tchibo erzieht seine Kunden”. [...]